Beauty is truth, truth beauty, — that is all
Ye know on earth, and all ye need to know
John Keats, Ode on a Grecian Urn
Auf Beizjagd mit dem Orden Deutscher Falkoniere
Seit Jahren treffen sich Falkner unseres Ordens nördlich von Hannover, um mit einer kleinen Beizjagd in das neue Jahr zu starten. Die heutige Jagd begann wie all unsere Zusammenkünfte mit dem traditionellen Beizvogelappell: der dienstälteste Falkner begutachtete alle Beizvögel.
Sind die gefiederten Jagdfreunde ordnungsgemäß aufgeschirrt und mit passenden Riemchen, Bellen, Adresstäfelchen und Sender versehen?
Sind alle Vögel von bester Gesundheit?
Ohne den prüfenden Blick und die Freigabe darf keiner der Vögel zur Jagd.
Alles in bester Ordnung, los geht es!
Wir jagen an diesem kalten Januartag in einer Baumschule auf Kaninchen.
Für Vogel, Mensch und Hund ist das Areal anspruchsvoll: Die Kaninchen verstecken sich in den gut und gerne 200 Meter langen Streifen der Kulturgehölze und verlassen diese nur in großer Not.
Treibt man mit Hund und Mensch einen der Streifen der Länge nach durch, laufen die Kaninchen in dem Streifen und springen erst aus dem schützenden Bewuchs, kurz bevor der Streifen endet.
Die flinken Tiere versuchen sofort den nur wenige Meter entfernten, parallelen Kulturstreifen und damit die nächste Deckung zu erreichen. Haben sie das geschafft, beginnt das Spiel von vorne.
Nur wenn der nächste Kulturstreifen ein wenig weiter entfernt ist oder wenn wir am Rand der Kultur einen Bau entdecken, den wir mit Frettchen bejagen können, werden unsere Vögel in diesem Gebiet eine Chance haben.
Die großen Windkraftanlagen in der Nähe beunruhigen die scheuen Habichte zusätzlich.
Vieles geht mir durch den Kopf, während ich durch die Baumschulkulturen streife: Da gehe ich einer seit 3000 Jahren bekannten Jagdart nach und finde mich immer häufiger in Landschaften wieder, in denen der Mensch seine unübersehbaren Spuren hinterlassen hat.
Eingezäunte Baumschulen, Gewerbegebiete, alte Fabrikgelände, Wind- und Solarparks: das sind die Orte, an denen man heute bevorzugt Falkner antrifft. Gleichsam einem lebenden Anachronismus sieht man die Beizjäger mit ihren Vögeln in der Kulturlandschaft stehen. Die Falkner werden von der Hoffnung getrieben, dass sich die scheuen Habichte von Auto und Bagger nicht allzu sehr irritieren lassen, dass irgendwo ein Kaninchen springt und dass das Risiko, das von Sicherheitszäunen und Glasfassaden ausgeht, kalkulierbar ist.
Doch nun ist keine Zeit kulturpessimistischen Trübsal zu blasen. Ich bin meinem Vogel gegenüber verpflichtet und berufen, ihm heute jagdliche Gelegenheiten zu verschaffen. Und so stöbern und treiben wir. Wir suchen mit den Hunden die Bauten der Kaninchen und lassen die Frettchen arbeiten.
Selbst mein Falknerkollege Wolfgang, der mit seinem alten Habichtsweib in der Regel jedes Kaninchen fängt, das irgendwo auf den Läufen ist, tut sich schwer. Sein Habichtsweib, das bereits zu Beginn der Saison auf den ostfriesischen Inseln binnen fünf Tagen über 70 Kaninchen gefangen hat, patzt ein ums andere Mal: Drei Flüge, dreimal daneben.
Wir verlassen die Baumschule und streifen durch einen lockeren Eichenbestand. Ein Kanin springt, Wolfgang ruft erneut „Habicht frei!“. Dieser Ausruf des Beizjägers signalisiert die beginnende Jagd und ist gleichsam Mahnung für andere Falkner: kein zweiter Vogel darf jetzt losgelassen werden. Eine Konfrontation der Vögel auf der Beute muss um jeden Preis vermieden werden.
Der Habicht, offenbar besonders grimmig wegen der zuvor versäumten Chancen, macht ernst.
Gespanntes Lauschen.
Das helle Klingeln der Bellen, Musik in den Ohren des Falkners, kommt auf mich zu. Ich spähe konzentriert ins Unterholz: Da!
Ein Schatten huscht über den Waldboden dicht gefolgt von einem Blitz aus schiefergrauem Gefieder. Das Kaninchen versucht ein rettendes Brombeergestrüpp zu erreichen. Der Habicht jedoch weiß, was die Brombeerranken für den Ausgang der Jagd bedeuten können und erhöht die Frequenz der Flügelschläge. Mit immer schneller pulsierenden Schwingen verringert der Vogel nun mit jedem Augenblick die Distanz zu seiner Beute. Die Rasanz des Jagdfluges ist atemberaubend und alle, die den Greif jagen sehen, wissen, warum wir Falkner das tun, was wir tun.
Jetzt öffnet der Vogel die Schwingen und streckt seine beiden Fänge weit nach vorne. Der erste Griff trifft das Kaninchen im Rücken. Lautes Klagen. Durch die Wucht, mit der der Vogel zugeschlagen hat, wird das Kaninchen aus der Bahn geworfen und rolliert. Der Vogel hält unbarmherzig fest und nutzt den sicheren Griff im Rücken des Kaninchens, um sich auf der Beute nach vorne zu ziehen. Der zweite Fang schlägt im Kopf ein. Der andere Fang wird nachgezogen und bindet den Kopf zusätzlich. Doppelter Kopfgriff! Das Klagen des Kaninchens endet abrupt.
Der Besitzer des Vogels eilt zu seinem Jagdkameraden.
Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, erst dann meinen Hut zu ziehen und dem erfolgreichen Beizjäger ein freudiges „Falknersheil!“ zuzurufen, wenn der Falkner selbst die Beute gesichert hat.
Hin und wieder geschieht es, dass Zweige zwischen Fang und Beute den Griff des Raubvogels erschweren oder dass starke Beute sich im Kampf ums Überleben allzu heftig wehrt und der Vogel seinen Griff doch noch lockert. Auch ein schlecht geführter Hund, der auf Vogel und Beute zustürzt und den Vogel ablenkt, hat schon so manche erfolgreiche Jagd im letzten Moment zunichte gemacht. Kurz: die Erfahrung lehrt, das Jagdglück erst dann zu preisen, wenn das Kaninchen abgefangen ist. Dieses Mal ist alles so, wie es sein soll: Wolfgang erreicht Vogel und Kanin. Er fängt die Beute ab.
Es folgt eine Phase der Besinnung: Der Vogel entspannt sich und beginnt zu rupfen, beginnt zu kröpfen. Der Falkner hält inne, betrachtet seinen Vogel und freut sich über das Jagdglück. Ruhe kehrt ein im Eichengehölz.
„Falknersheil!“, rufe ich und kann mich von Herzen über den schönen Flug und das Jagdglück meines Ordensbruders freuen.
Wolfgang beschließt, den Vogel aufzuatzen und ihn mit einem vollen Kropf für die schöne Leistung zu belohnen. Das eben Erlebte soll sich im Gedächtnis des Habichts einbrennen und die vorherigen, missglückten Flüge vergessen machen.
Nun liegt es bei mir und meinem Habichtsweib „Rala“ weitere Beute zu machen.
Mein Falknerschüler Artur ist mit von der Partie und arbeitet mir zu.
Er hat ein Kanin in einem der besagten Kulturstreifen in der Baumschule ausgemacht. Links der Kultur ist eine freie Fläche. Springt das Kanin nach links, so muss es dreißig, vielleicht vierzig Meter überwinden, bevor es erneut in der Deckung Schutz findet. Das könnte
klappen.
Mit viel Hingabe und großer Ruhe drückt Artur den Streifen kniehoher Thujenbüsche durch.
Ich bleibe auf der Freifläche und laufe mit Artur auf selber Höhe. Noch bevor einer der Jäger „Kanin!“ ausrufen kann, ruckt es bereits in den Geschühriemchen in meiner Hand. Rala hat das Kaninchen, das vierzig, fünfzig Meter vor uns springt, längst gesehen und will es anjagen. Es flüchtet über die Freifläche und kommt schräg auf uns zu.
„Habicht frei!“
Zwischen Hoffen und Bangen lasse ich den Vogel frei. Denn ich weiß: nähert sich ein Kaninchen von vorne, ist es für einen Habicht ungleich schwieriger erfolgreich zu sein. Das Kanin sieht sich Aug‘ in Aug‘ mit der drohenden Gefahr und kann im letzten Moment und mit einem beherzten Haken den Habicht ins Leere fliegen lassen.
Rala scheint das jedoch zu wissen und fliegt zu meiner Überraschung ihre Beute nicht direkt an. Sie schießt auf einer parallelen Route in Richtung Kaninchen, läßt das Kaninchen passieren, macht eine 180° Kehre und schwingt sich jetzt perfekt hinter der Beute ein. Sensationell!
Die Wende hat jedoch Geschwindigkeit aus dem Flug des Vogels genommen, das Kaninchen hat einen deutlichen Vorsprung und zielt auf den nächsten Dickungsstreifen.
Und jetzt beginnt es wieder, dieses phantastische Schauspiel, das einem der jagende Greif zu bieten weiß: Der Vogel erhöht die Frequenz der Flügelschläge, die Schwingen werden zu einem Flirren aus silbergrau und weiß. Die Vehemenz, mit der der Habicht nun jagt und sein Tempo immer und immer weiter erhöht, ist ein Naturschauspiel von bezwingender Schönheit. Mit jedem Augenblick schwindet der Vorsprung des Kanins. Noch zwei, drei Schwingenschläge, jetzt ist Rala mit ihrer Beute schon gleichauf und wirft ihre tödlichen Fänge nach vorne. Kurzes Klagen. Das Kanin liegt wie festgenagelt. Welch‘ herrlicher Flug! Noch gebannt von dem Schauspiel, das sich mir soeben geboten hat, muss ich mich mit Nachdruck losreißen: Ich eile zu meinem Vogel.
Rala hält ihre Beute mit eisernem Griff. Ich fange das Kaninchen mit einem Stich ins Herz ab. Rala weiß was nun kommt und wartet geduldig: Ich schärfe den Brustkorb auf, lege Lunge und Herz frei. Der Vogel trinkt das warme Blut, das sich in der Kammer sammelt und beginnt dann alsbald zu kröpfen. Keine Frage: ein solcher Flug muss maximal belohnt werden. Das geht nur mit einem vollen Kropf. Also „Jagd vorbei!“ auch für mich und Rala. Von irgendwoher tönt ein brüderliches „Falknersheil!“ an mein Ohr.
Wie heißt es doch in der alten Schrift des Grafen von Schwerin: „Wir jagen um des Schönen willen in der Jagd, nicht der Beute wegen. Nicht des Reihers oder des Königsmilans wegen jagten die Fürsten und Großen mit den edlen Falken, sondern um des Schönen willen in der Beizjagd, die unvergleichliche Bilder im Reich der Lüfte gibt.“
Diese Jagd zu sehen, war wahrlich ein schöner Anblick und im Keat‘schen Sinne somit ein Moment echter Wahrhaftigkeit, an dem ich teilhaben durfte. Ich bin meinem Vogel zutiefst dankbar, winke Artur zum Dank und lobe meinen Hund. Ich denke an meine Frau, die meine falknerischen Grillen unterstützt, und möchte die Welt umarmen.
Noch eine halbe Stunde hocke ich neben meinem Vogel und warte ab, bis sich Rala vollgekröpft hat. Schwermütige Gedanken über anthropogene Naturzerstörung und falknerischen Anachronismus sind weit, weit weg.
Vorsichtig nehme ich den Vogel zurück auf die Faust.
Langsam machen wir uns auf den Rückweg.














